Allgemein/Politik & Geschichte

Rassenhygiene. In Jena sollte der „neue Mensch“ gezüchtet werden

In Jena war bereits seit 1930, mit der Berufung des sog. „Rasse-Günthers“ das Zentrum der Rassenforschung und der Rassenhygiene. Heute will nichts mehr daran erinnern.

Das Landesamt für Rassewesen in Weimar wurde von der Thüringer Landesregierung am 15. Juli 1933 – nur einen Tag nach der Bekanntgabe des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ – im Einvernehmen mit der Reichsregierung eingerichtet. Das Amt unterstand als selbstständige Behörde dem Innen- und Volksbildungsminister und hatte Zugriff auf die Daten des staatlichen Gesundheits- und Wohlfahrtswesens. Zum Präsidenten wurde der nicht habilitierte Mediziner und spätere Rektor der FSU Karl Astel berufen.

Astel, Friedrich Wilhelm Karl, Mediziner, Rassenhygieniker, Rektor der FSU. * 26.02.1898 Schweinfurt, † 4.04.1945 Jena.

Astel, Friedrich Wilhelm Karl,
Mediziner, Rassenhygieniker, Rektor der FSU. * 26.02.1898 Schweinfurt, † 4.04.1945 Jena.

Innerhalb erbbiologischer, kriminalbiologischer und psychiatrischer Abteilungen waren bis zu 52 Mitarbeiter in Weimar mit der statistischen „rassenhygienischen“ Erfassung der Gesamtbevölkerung von Thüringen nach verschiedenen Kriterien (u.a. Berufszugehörigkeit, beschuldigte Verbrechen, sexuelle Orientierung, Krankheiten etc.) beschäftigt. Organisiert wurden u.a. Fortbildungskurse für Ärzte, Juristen, Polizeibeamte und Lehrer in Egendorf bei Blankenhain zu den Themen Rassekunde und Eugenik (Erbgesundheitslehre). Gutachten des Amtes führten zu Sterilisierungen von als „erbkrank“ stigmatisierten Menschen. Eine von K. Astel entwickelte „Sippschaftstafel“ sollte die Bevölkerung in „Arier“ und „Nicht-Arier“ einzustufen.

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Das Amt unterhielt eine Außenstelle in Jena. Die Abteilung „Lehre und Forschung“ sollte den erbbiologischen, bevölkerungs- und rassenpolitischen Gesetzen und Maßnahmen eine wissenschaftliche Grundlage verleihen. Dazu kooperierte das Landesamt mit der von der Universität Jena in der Kahlaischen Straße untergebrachten „Anstalt für menschliche Züchtungslehre und Vererbungsforschung“, ab 1935 „Institut für Erbforschung und Rassenpolitik“, an dem Astel eine Professur erhielt.

In dieser Stadt lebten die Vordenker, die mit einer kruden Pseudowissenschaft die Erkenntnisse Ernst Haeckels missbrauchten. Anstatt sich diesem Erbe zu stellen, feiert Jena ein „romantisches Jahr“. Das neue Max Planck-Institut in Jena fragt die Historiker in der FAZ an, was sie sich denn von der Genetic History erhoffen Wir können euch die vier Fortpflanzungsstudien über 22.000 Bauern, 12.000 Beamte und Angestellte sowie 14.000 Handwerker vorlegen. Über die Kinderzahl von 29.000 politischen Leitern des Gaus sind wir bestens informiert. Das haben die Rassenfanatiker fein säuberlich gesammelt in Jena.

Darüber hinaus interessiere ich mich für Menschen in der Vergangenheit. Nicht für ihre Gene. „Die Thüringer hatten guten Grund, sich vor dem zu fürchten, was in Jena ausgedacht wurde.“ Hoßfeld, Uwe, Institute, Geld, Intrigen. Rassenwahn in Thüringen, 1930 bis 1945, Erfurt 2014, S. 150.

Zum Weiterlesen auch:
Stutz, Rüdiger u.a. Hg, „Im Dienst an Volk und Vaterland. Die Jenaer Universität in der NS-Zeit, Köln 2005, S. 85ff.
Hoßfeld, Uew, Rassekunde und Rassenhygiene im „Mustergau“, 1930 – 1945 Blätter zur Landeskunde 2004.

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