Allgemein/Politik & Geschichte

Bertha K. und die Toiletten in Jena (Teil1)

Bertha K. und die Toiletten in Jena (Teil 1)

Die Stadt Jena hat die schönste Bahnhofstoilette!

Wusstet ihr das noch nicht? Jena ist mittlerweile überregional dafür bekannt, seit Jahren an Bahnhöfen keine Toilette zu haben. Die Deutsche Bahn AG hat sich aber in mehreren gerichtlichen Streitprozessen bestätigen lassen, dass sie an Bahnhöfen keine Toiletten anbieten muss. In denjenigen Kommunen, in denen das wirtschaftlich rentabel ist, haben private Anbieter das Betreiben von Sanitäranlagen übernommen. Berlin, Hannover und Köln haben ihren WC-Bestand komplett privatisiert. Es hat also fast unbemerkt eine Kommerzialisierung des Grundrechtes, eine Toilette benutzen zu dürfen, stattgefunden.

Viele Kommunen, nicht nur Jena, haben das Betreiben öffentlicher Toiletten als „freiwillige Leistung der Stadt“ weitgehend aus ihrem Haushalt herausgestrichen (anders ist es, wenn eine bestimmte Summe an Fördermitteln verbaut werden muss, wie das Beispiel der Toilettenanlage im „Paradies“ zeigt).

Keine Bahnhofstoilette in Jena? Das stimmt nicht! Im Jenaer Untergrund hat sich, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, ungeheuerliches getan. Direkt neben dem Bismarkbrunnen auf dem Jenaer Marktplatz, mitten unter dem „Filetstück“ der Stadt, betreibt der Kommunalservice Jena (KSJ) eine videoüberwachte, sehr gut gepflegte „Luxussanitäranlage“. Diese ist zwar für ältere und gehbehinderte Menschen wegen der vielen Treppenstufen kaum zu erreichen (außer ein wenig vertrauenswürdiger und oft funktionsloser Lastenfahrstuhl fährt in einer Zeit, in der man sich schon in die Hose gemacht hat, hinunter).  Ist der Besucher heil unten angekommen, sind 50 Cent in kleinen Münzen fällig.

Toiletteeingang

Im Innenbereich der Sanitäreinrichtung haben die ausführenden Firmen an jeder einzelnen Kabinentür nochmals einen sicherlich die Gesamtkosten erhöhenden komplizierten Geldschließmechanismus verbaut. Offensichtlich konnte der Fehler im Nachhinein nicht mehr korrigiert werden (wurden die Schließmechanismen trotzdem berechnet)? Jetzt wirkt dieses doppelte Geldschließsystem für jeden Toilettenbesucher wie ein Schildbürgerstreich. Alle haben ja bereits am Eingang 50 Cent bezahlt hat. Nun steht er/sie wieder an einem Geldschließautomaten. Zum Glück ist dieser aber bei keiner Tür in Betrieb.

Doch was ist das? Die Toilettenbauer/Innenarchitekten/Planer/Verwalter etc. ppp. haben direkt hinter dem Eingang eine täuschend echt wirkende „Jenaer Bahnhofstoilette“ nachgebaut. Inklusive einem durchrauschenden Fernzug. Da tut es doch gleich nicht mehr so weh, das Jena bald vom Fernverkehr abgehängt sein wird. Falls in ein paar Jahren jemand nostalgisch dem ICE nachtrauern sollte, dann kann er/sie sich auf die kleine, feine versteckte, videoüberwachte Bahnhofstoilette mitten auf dem Jenaer Marktplatz zurückziehen.

Wandgestaltung Toilette Jena

Wandgestaltung Toilette Jena

Jenas moderne, videoüberwachte, gutgepflegte Sanitäranlage neben dem Bismarkbrunnen ist immer einen Besuch wert. Der Eintritt beträgt nur 50 Cent. Menschen, die sich selbst als „Transgender“ bezeichnen, steht die Wahl der Kabinen männlich/weiblich frei. Kinder und Menschen mit Sehbehinderung werden gebeten, nicht die vielen Treppenstufen im Eingangsbereich hinunterzufallen.

In der nächsten Folge der Reihe „Bertha K. und die Jenaer Toiletten“ wird der Think Thank „PsyTaArt“ sein Toilettenkonzept, das finanziert, praktikabel und sozial gerecht ist, vorstellen.

Mit freundlichen Grüßen
Bertha Kessel

P.S. Ein freundlicher Kommentator hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei der Toilette um eine Kopie einer Pariser Metrostation handelt, die nach Jena benannt wurde. Die Stadt, die keine einzige öffentliche Bahnhofstoilette hat, kopiert eine französische Metrostation, obwohl Jena auch keine Metro hat und in Zukunft haben wird. Komische Welt.

Am 05.11.2014 war ein Schild angebracht. „Lift außer Betrieb.“ Die Toilette kann nicht mehr von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen erreicht werden.

liftwcmarktjena

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2 Kommentare zu “Bertha K. und die Toiletten in Jena (Teil1)

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