Allgemein/Kopfkino

Bertha K. und die Theaterszene in Jena

Die Welt brennt und die Kreativen verschlafen es. Das Kurztheaterspektakel in Jena enttäuscht.

Samstag, 11.10.2014

Als Anhänger der Theaterlandschaft in unserem beschaulichen „Paradies“ Jena stehe ich an diesem Samstag um 19 Uhr vor der Wahl. Soll ich zum Tag der offenen Tür ins Theaterhaus? Auf der Hauptbühne wird um 19 Uhr der Spielplan der Saison 2014/15 präsentiert.

Oder ist mir heute eher nach „jungem freien Theater“? Der Verein „Freie Bühne Jena e.V.“ lädt zum „Kurztheaterspektakel“ ein. Das findet diesmal zwischen Faulloch und Straßenbahndepot statt.

In Jena sind offensichtlich hauptamtliche und freie Kulturschaffende nicht in der Lage, gemeinsam ein Jahresprogramm zu entwerfen, um solche ärgerlichen Überschneidungen zu vermeiden.

Ich entscheide mich an diesem Abend für die Veranstaltung des „Freie Bühne e.V.“ in der Innenstadt. Wenn ich mir jetzt die Sponsoren der Veranstaltung anschaue, dann wird deutlich, dass diese Bühne gar nicht mehr so frei ist. Die Geldgeber der institutionalisierten und der freien Kulturprojekte sind fast dieselben. Irgendwann wird die freie Bühne bestimmt als Eigenbetrieb in der Stadt richtig integriert.

Ich komme am Johannistor und Faulloch an. Die Veranstaltung ist durch einen Polizeiwagen abgesichert. Mich verunsichert das. Die zehn Euro Eintritt können und wollen sich viele Menschen in dieser Stadt nicht leisten. Die Veranstalter haben mir eine Karte geschenkt, um über diesen Abend berichten zu können. Vielen Dank dafür. Aber mit dem für viele von uns zu hohen Eintrittsgeld grenzen die „freien Theatermacher“ viele Menschen sozial aus. Ich weiß es, da ich die meiste Zeit zu den Menschen gehöre, die sich kulturelle Veranstaltungen nicht leisten können. Wenn das Theater wirklich auf die Straße gebracht werden soll, dann sollte das nicht mit Absperrungen, Polizeiwagen, flächendeckender Videoüberwachung und Eintrittsgeld verbunden sein.

Das Ambiente am Faulloch ist ähnlich hergerichtet, wie der jährliche Mittelaltermarkt, nur nicht so schön. Als Schnecken verkleidete Schauspieler kriechen pünktlich um 19 Uhr zwischen den Besuchern umher. Ich vermute, den Zuschauern soll damit signalisiert werden, dass jetzt so etwas wie ein „Kulturprogramm“ beginnt.

Ein Farbpunkt auf der Eintrittskarte teilt das Theaterpublikum in verschiedene Gruppen auf. Ich folge ab jetzt einer geführten Märchentour. Meine Begleiterin hat einen goldfarbenen Ball in die Hand gedrückt bekommen und freut sich darauf, irgendwann den Frosch zu küssen. „Im grimmschen Original wird der Frosch aber an die Wand geworfen“, kläre ich sie auf und versaue damit alle modernen romantischen Varianten dieser Märchen, deren Darbietung mich an diesem Abend eher an einen Kindergeburtstag erinnert.

Mehrere Clowns mit roten Nasen begleiten die Zuschauer und sprechen unterwegs die Passanten an. Ich denke dabei an die Zeit mit einer Freundin zurück, in der wir genau das mehrmals auf der PsyTaArt-Bank in unserem Kiez gemacht haben. Wir haben nie daran gedacht, dafür zehn Euro Eintritt zu kassieren. Wir haben das eben gemacht. „Nur so. Einfach nur so“.

Angekommen auf dem Markplatz preist ein Prediger den Weltuntergang und kriecht dann in den Arsch, den die Theatermacher unserem verehrten Hanfried verpasst haben. Auch das ist für jemanden wie mich, der am 21.12.2012 (dem letzten vorhergesagtem Weltuntergang) nicht mehr in der psychiatrischen Tagesklinik, sondern woanders sein wollte, nichts Beeindruckendes.

Kurztheater1

Im Stadtmuseum direkt nebenan findet gerade die Ausstellung „Heimatfront“ statt. 100 Jahre ist der Beginn des Ersten Weltkriegs her. Axel Doßmann nannte neulich auf einer Tagung die Anlage auf dem Friedensberg hier in Jena (mit der Inschrift „Die Toten der Kriege mahnen zum Frieden“) einen „Zeichenschlachtplatz“ und sprach sich für die Schleifung aus. In meinen Augen fängt unsere Welt jetzt gerade wieder an, zu brennen. Aber das alles geht offensichtlich an den Aktiven und Kreativen dieses Abends beim Kurztheaterspektakel vorbei.

Kann mich die Gruppe „Trott O Art“ (Jena) mit einem „Clowns-Geschichten-Karussell“ begeistern? Nein. Sie machen mich wütend (falls das die Intention war, dann ist dieses Ensemble sehr gut gewesen.) Über einen Weg, dem z.B. meine Bekannte, die sich in einem Rollstuhl fortbewegt, nie hätte folgen können, geht es zu einer improvisierten Bühne am Institut der Erziehungswissenschaft.

Dort sehe ich unreflektierte und für mich diskriminierende Theaterübungen mit einem Rollstuhl. Die Szene heißt „Im Museum“. Die Darsteller wissen offensichtlich nichts über die „Rollstuhlgerechtigkeit“ gerade hier im Stadtmuseum in Jena. Und in vielen anderen öffentlichen Gebäuden.

„Trott O Art“ (Jena)

„Trott O Art“ (Jena)

Wie es ist, am Boden zu liegen und nicht mehr aufstehen zu können, muss einigen unter uns nicht vorgespielt werden. Ich kenne Menschen, die das viel realistischer darstellen können. Sie können ihre Körper aufgrund einer Krankheit oder Verletzung nicht willentlich steuern. „Troit O Art“ sollten, wenn sie nicht bereit sind, sich tiefer in eine Thematik einzuarbeiten, in Zukunft solche sensible Themen umgehen.

In der nächsten Szene wird eine ältere Frau dargestellt. Offensichtlich will sie einem jüngeren Mann das richtige „Amen“ beibringen. Und auch hier denke ich an die Suche nach einem Halt in einer Religion, der für viele um mich herum gerade jetzt sehr wichtig ist. Mir kommen all die Herausforderungen in den Sinn, die auf uns zukommen, wenn wir andere Kulturen für unser bewährtes Prinzip der Trennung von Staat und Kirche begeistern wollen.

Haben „Troit to Art“ das gemeint? Den Krieg, der sich viel zu oft über Religion definiert? Ich glaube, diese Realität, die ich gerade erlebe, ist an dem Ensemble völlig vorbeigegangen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, ein paar wunderbar zelebrierten Ordnungswidrigkeiten (Bemalen von Verkehrsschildern mit Edding) landen wir im alten Straßenbahndepot. Das könnte auch eine tolle Lokation für kleinere Konzerte sein. Doch die weitläufige Atmosphäre wird gestört durch zwei separate Bühnenaufbauten und die zwei dazu gehörenden Zuschauerränge. Das heißt für mich: schnell einen sicheren Platz am Anfang und zwischen den Bühnenwechseln ergattern. Keine Chance besteht da für Rollis, Rollatoren und Rentner. An die Bar kommt auch keiner von denen. Wenn sowas alternatives Theater auszeichnet, gefällt es mir nicht.

Face to Face With (Leipzig) sitzen in einem Haus aus Kabeln. Dem ersten Stück kann ich nicht folgen. Hellhörig werde ich, als kurz das Thema „Suizid“ thematisiert wird. Hat sich doch gerade der langjährige MDR-Intendant Udo Reiter so verabschiedet. In einer MDR-Show springen daraufhin die Playbacks zu einem Lied, in dem gesungen wird: „Wir leben jetzt, wir leben laut, wir wollen mehr, wir drehen auf….“.

Doch die Szene auf der Bühne im Straßenbahndepot endet, indem die beiden Schauspieler wie Gorillas brüllen und die Bühnendekoration zerlegen. Hätten die Planer des Kurztheaterspektakels die Reihenfolge der Stücke an diesem Abend umgedreht, dann hätten sie alle unterschiedlichen Bühnenbilder auf einer Bühne realisieren können.

Nach dem m.E. unsinnigen Bühnenwechsel steht Olav Amende (Leipzig) mit einem „Phantasiestück“ auf dem Programm. Mit einem beeindruckenden Schattentheater wird Hass, Verrat, Mord, Verletzungen und Liebe dargestellt. Dazu hört das Publikum im Straßenbahndepot verzerrte Audiofetzen. Na endlich. Die junge Theaterszene nähert sich der Wirklichkeit. Und wenn es an diesem Abend auch nur Schatten sind. Die Körperspannung der beiden männlichen Darsteller zu beobachten, ist beeindruckend.

Danach folgt „Vier Volt“ (Leipzig). „Abwechslungsreich, mit Spannung geladen, Funken sprühend, zum Leuchten bringend und unter Strom stehend“ verspricht das Programm. Ich sehe Darsteller, die auf Zuruf des Publikums Szenen nachspielen. Hier nennt sich das an diesem Abend sicherlich Improvisationstheater. Ich habe dieses Spiel aber schon auf einigen Partys schöner erlebt. Draußen soll dann irgendwo noch ein Wal unterwegs sein. Ich und dieses Theater sind an diesem Abend nur selten in der Lage, in Kontakt zu treten.

Wo steht das Junge Theater? Die freie Bühne e.V. und ihre Leipziger Freunde sind hoffentlich nicht alles, was an kreativem Potential in den Herzen junger Menschen brodelt. Ich weiß, auch Jenakultur ist nicht alles an kulturellem Potential in dieser Stadt. Wir stehen noch am Anfang. Wir werden miteinander reden. Das ist gut. Bringt das Theater auf die Straße. Dann aber richtig. Ich helfe euch dabei.

„Auf mich wartet etwas besseres“, sage ich zu einer Bekannten und verlasse so schnell wie möglich die Lokation.

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