Allgemein/Kopfkino

Fahndungsfotos auf Facebook (und die totale Überwachung)

Fahndungsfotos auf Facebook (und die totale Überwachung)

Zunächst zum oberen Beitragsbild mit dem haarigen Hintern. Das ist nicht meiner. Das war eine Kunstaktion, über die ich berichtet habe. Aber gehören nicht alle unsere Ärsche der Stadt Jena? Wir sollten dringend darüber reden, warum Polizei und Medien im Falle von Fahndungen mit Überwachungsfotos nicht das beachten, was jeder Jugendliche heutzutage wissen soll: das Internet vergisst nie.

Fahndung

Auf dem Bild ist meine Facebook-Timeline zu sehen. Im oberen Eintrag meldet der Account der „Welt“, dass Tatverdächtige sich gestellt hätten und deshalb die Gesichter auf den Bildern verpixelt werden. Direkt darunter werden mir andere Nachrichtenlinks empfohlen. Auf den kleinen Bildern dazu sind die Gesuchten jedoch nach wie vor gut zu erkennen. (ein Mitarbeiter meiner IT-Abteilung hat diesen Screenshoot nachträglich für diesen Beitrag anonymisiert, sodass ich mich nicht unfreiwillig an dieser „Hexenjagd“ beteiligen muss.)

Machen offizielle Fahndungsfotos der Polizei die öffentlichen Fahndungsaufrufe besser oder schlechter? Ist da nicht gleich das Urteil der sozialen Brandmarkung gefällt? Wozu brauchen wir dann noch Richter? Es lohnt sich, bei diesem Vorgehen genau das Für und Wider zu diskutieren. In den USA gibt es Karten und Listen, in denen aufgeführt wird, wo Menschen wohnen, die ein Sexualverbrechen begangen haben. In den Augen vieler Eltern ist das sehr gut. Es hat aber auch das Leben eines 17 Jährigen ruiniert, der seine 15 Jährige Freundin geküsst hat.

Wo sind die Geisteswissenschaftler, die über so etwas nachdenken, wie unsere Gesellschaft dadurch verändert wird? Was ist mit dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten?“

Die Fahndung mit Fotos von Überwachungskameras erinnert mich sehr an den wilden Westen und die Zettel „Wanted. Dead or alive“. In Jena „kackt“ jemand in die Straßenbahn? Kein Problem. Das Foto wird mit der ganzen Welt geteilt. Am nächsten Tag meldet sich der „Täter“ und bezahlt reumütig die Reinigung der Sitze.

Was ist eigentlich mit dem Recht am eigenen Bild bei Überwachungskameras? Wie reagieren wir, wenn Menschen zu unrecht sozial gebrandmarkt werden oder nach denen nach einer erfundenen Geschichte gefahndet wird?

Wir alle werden in der Innenstadt und in den Straßenbahnen Jenas fast flächendeckend mit Videokameras (auch von Geschäften, Banken etc.) überwacht und unser Leben aufgezeichnet. Die Technik für diese Überwachung wird von Firmen wie der Carl Zeiss Jena GmbH (4,2 Mrd.. Umsatz) oder der Jenoptik AG (ca. 600 Millionen Umsatz) hergestellt. In ihren Stipendienprogrammen fördern diese Unternehmen mit Millionen Studien aus dem technischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Sie geben viel Geld für ein großes PR-Getöse (wie z.B. gerade in der Goethe-Galerie) aus. Die Carl-Zeiss-Stiftung fördert aber keine geistes- und sozialwissenschaftlen Forschungsvorhaben.

zeiss

125 Carl-Zeiss-Stiftung. Präsentation in der Goethe-Galerie in Jena.

Die Vorschläge unseres Think Tanks:

1. Polizei und Medien entwerfen zusammen eine Warnmeldung. Sie schildern den Vorwurf, erklären in den sozialen Medien, warum es wichtig ist, die Tat aufzuklären, warnen, dass sie gestochen scharfe Aufnahmen haben von Menschen, die so und so aussehen. Diesen Beschuldigten wird dann (x) Tage Zeit gegeben, sich den Tatvorwürfen zu stellen. Nur im allergrößten Notfall bzw. nach vorheriger Warnung werden Fotos von Tatbeschuldigten (es sind ja noch keine Täter ohne Verhandlung und Urteil) in sozialen Medien verbreitet.

2. Die Carl-Zeiss-Stiftung und die Jenoptik AG spenden jeweils eine Million Euro an das Historische Institut in Jena für ein neues Forschungsvorhaben. Der Arbeitstitel lautet: „Wahrheit ruiniert. Überwachung in der Geschichte. Von der Mainzer Untersuchungsbehörde bis zu Edward Snowden.“

Eure Bertha Kessel und ihr Think Tank

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