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Jena, nicht dass du mir noch „stiften“ gehst…

Jena, nicht dass du mir noch „stiften“ gehst…von Bertha Kessel

Ein Stifterlauf jagt gefühlt den nächsten. Außerdem ist einmal im Jahr Freiwilligentag. Jetzt ist zwar wieder angeblich der erste, aber letztes Jahr habe ich da mitgemacht. Da kann man z.B. der Oma/dem Kind nebenan eine Stunde lang vorlesen. Hinter der freiwilligen Arbeit stehen zahlreiche gemeinnützige Vereine. Die Bürgerstiftung hat mithilfe einer Werbeagentur jedoch die besseren Vermarktungskonzepte.

Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung Zwischenraum, die laut Homepage hinter den ganzen Aktionen steht, ist Burkhard Lauer, gelernter Bankkaufmann, Diplom-Kaufmann, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.

Burkhard Lauer ist hauptberuflich Partner und Jenaer Niederlassungsleiter der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Diese Gesellschaft erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2013 (01.10.2012 bis 30.09.2013) in Deutschland einen Umsatz von 1,33 Milliarden Euro. Wenn diese Firma nur 1 % davon spenden würden… aber sie engagieren sich ja freiwillig.

Im Netz wird das neue Angebot der Bürgerstiftungen beworben. „Sie entscheiden darüber, was gefördert wird, die Bürgerstiftung kümmert sich um die Formalitäten.“ Na das klingt ja nach einem tollen Angebot, oder?

Auch die Bürgerstiftung Jena und Herr Lauer offerieren mir, sich um mein Geld zu kümmern. Sie bieten mir am besten eine „Treuhandstiftung“ an (Treuhand? m.E. mittlerweile in Ostdeutschland ein Wort, das schon korrupt klingt).

„Sie können eine eigene Stiftung gründen, die treuhänderisch von der Bürgerstiftung Zwischenraum verwaltet wird. Sie bestimmen den Stiftungszweck und legen den Namen und die Satzung Ihrer Stiftung fest und wir übernehmen die Verwaltung gegenüber Stiftungsaufsicht und Finanzamt. Zu diesem Zwecke arbeiten wir mit Steuerberatern und Juristen zusammen und lassen uns bei der Anlage der Gelder von Finanzexperten beraten.“

Bekomme ich die Beratung von Herrn Lauer persönlich? Ansonsten gehe ich zur Konkurrenz. Auch der Jenaer Firmenlauf hat eine eigene Charity-Abteilung. „Neben der finanziellen Zuwendung versteht sich der Firmenlauf als eine Werbe- und Marketingplattform für das jeweilige Projekt, um auf sich und seine Ziele aufmerksam zu machen.“ Das klingt doch nach Wirtschaftsförderung.

Was bietet mir da die Konkurrenz? „Sie können sich auf unserer Homepage, auf unseren Veröffentlichungen und auf unseren Veranstaltungen präsentieren oder die Patenschaft für einzelne Projekte übernehmen“, wirbt die Bürgerstiftung Jena.

Ich kann mich für keine dieser tollen neuen Geldanlagemodelle entscheiden. Also schaue ich, was unsere Vorfahren gemacht hätten. Oliver Lemuth fasste die verschiedenen Deutungsversuche über Ernst Abbe zusammen.  Nach meiner Lesart wollte Abbe seinen ganzen Besitz einfach der Universität schenken, da er davon überzeugt war, dass er dieser Universität alles verdankte. Und natürlich wollte er dem „Volk“ eine Bildungsstätte schenken.

Das ging aber nicht so einfach, wie Abbe es sich in seinem „paternalistischen Ideal“ eines Mannes, der sich um „seine Leute“ kümmerte, dachte. Herausgekommen sind diese verschiedenen großen Stiftungen in Jena.

So wie etwa die Ernst-Abbe-Stiftung. Der Ernst-Abbe-Stiftung gehört neben verschiedenen Firmen auch das Volkshaus. Ernst Abbe stellte der Stadt Jena die erste, nach nordamerikanischem Vorbild eingerichtete, freie Bildungsstätte in Deutschland zur Verfügung. Er konnte so ein Haus aber nicht ohne weiteres verschenken. Wie gut, dass es dann die Stiftung gab, über die Stadt und Universität in den Genuss der Förderung aus Abbes Vermögen kommen sollte.

2014 ist das mit den Stiftungen komplizierter, als es 1903 abzusehen war. Da fragt Herr Dr. Vogel (SPD) im Stadtrat den Bürgermeister Dr. Albrecht Schröter (SPD) nach der Zukunft des Volkhauses. Dieser befindet sich aber gerade in schwierigen Verhandlungen mit Prof. Dr. Thomas Deufel (SPD). Der ist zwar auch Stadtratsmitglied. Jetzt verhandelt er aber als Vorstandsvorsitzender der Ernst-Abbe-Stiftung. Die haben nichts zu verschenken, sondern wollen das Maximum an Mieteinnahmen. (Verschenkt werden von der Stiftung zwei Stipendien für die Untersuchung der Geschichte der Psychiatrie, die man lieber selber schreiben lässt, bevor kritische Menschen da genauer nachfragen.)

Und heutzutage ist das Geflecht der Wohltaten ausgefeilter als 1903.

Prof. Dr. Thomas Deufel, Institutsdirektor am Jenaer Universitätsklinikum, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Jenaer Stadtrat und Staatssekretär im von Christoph Matschie (SPD) geführten Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, dessen Abteilung die Bereiche Hochschulen, Forschung und wissenschaftliche Infrastruktur sowie Kultur und Kunst unterstehen, sorgt für einen reibungslosen „Cashflow“ an der Uniklinik Jena und vor allem am Beutenbergcampus . Zwischen 1991 und 2013 investierten der Freistaat Thüringen, Bund und EU mehr als eine halbe Milliarde Euro in den Ausbau der Infrastruktur allein am Beutenberg. Die Milliarden für den Klinikneubau standen auch bereit.

Am Beutenberg wird u.a. die BioCentiv GmbH („Join us at the Center“) Profit abwerfen. Das ist eine Firma, welche die hochmodernen Räume an junge Start Ups aus der Pharmabranche vermarktet. Die BioCentiv GmbH ist eine hundertprozentige Tochter der Ernst-Abbe-Stiftung. Und wer hat die Räume bezahlt? Naja öffentliche Fördermittel, bloß nicht so genau nachfragen.

Bürgerstiftung, Ernst-Abbe-Stiftung, alles ganz schön kompliziert für den Laien und hat nur noch wenig mit Wohltat zu tun. Zum Beispiel steckt in der Bürgerstiftung Geld der Jena Wohnen GmbH. Das finde ich nicht schön. Weil die meiner Bekannten die Miete erhöht haben. Meine Bekannte ist erwerbsunfähig und bekommt Grundsicherung. Die Grundsicherung, die die erhöhte Miete aufbringen muss, sind…

Mein Vorschlag, um diesem Stifterwahnsinn in Jena zu entgehen:

Liebe Bürgerstiftung Jena, die KPMG AG, die hinter Euch steht, spendet 1 % ihres Jahresgewinns der Stadt. Das wären 10 Millionen Euro. Die Stadt könnte für das Geld professionelle Sozialpädagogen anstellen, die dringend gebraucht werden (und die auch dringend Arbeit suchen.)

Liebe Ernst-Abbe-Stiftung: Thomas Deufel sorgt über Umwege dafür, dass von öffentlichen Geldern Firmen profitieren, die zu 100 % Euch gehören und die Gewinn machen werden. Jetzt erfüllt den Stiftungszweck im Sinne Ernst Abbes. 40 eigene Veranstaltungen? Dafür hat Abbe das Volkshaus nicht bauen lassen und das wisst ihr auch. Ab jetzt werdet Ihr alle mit dem Volkshaus verbundenen Kosten zum Wohle der Bürger dieser Stadt übernehmen. Wir schauen dann auch nicht mehr so kritisch auf alle anderen Aktionen.

Eure Bertha Kessel

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