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Große Kunst an ungewohntem Ort. Ein Abend beim Kurztheaterspektakel in Jena

Große Kunst an ungewohntem Ort. Ein Abend beim Kurztheaterspektakel in Jena

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26.10.13 Samstagabend und ich denke über verschiedene Rollen nach, die jeder von uns spielt. In Jena findet gerade in der „Ruski“, einer ausgedienten Industriehalle im Gewerbegebiet in Göschwitz, das fünfte Kurztheaterspektakel statt.

Unter dem Motto „Schnappt den Superschurken“ war die beeindruckende Location gestaltet. Das ausverkaufte Festival, das über mehrere Tage geht, trifft den Nerv des zahlreich erschienen Publikums.

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Das Kurztheaterspektakel wird von freien Theatergruppen und Kulturschaffenden in Jena organisiert, die im Netzwerk des Freie Bühne Jena e.V. zusammengeschlossen sind. Seit 2008 bietet es an mehreren Festivaltagen ein Programm, das jeden Tag unterschiedlich gestaltet ist. Bestandteil des Festivals war ein zweitägiges Workshop-Programm, in dem unterschiedlichste Kulturschaffende in Kontakt kamen. Für die einzelnen Aufführungen gelten zwei Regeln. Erstens: Die Stücke dürfen eine Länge von 20 Minuten nicht überschreiten. Zweitens: Es gibt keine weiteren Grenzen für die Kreativität, keine thematischen Vorgaben, keine Einschränkungen.

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19 Uhr: Eine Gruppe von maskierten Superhelden zieht die Zuschauer von Beginn an hinein in eine Inszenierung, die den Rahmen bildet für vier verschiedene Theaterprojekte. Die Zuschauer lernen, den Heldenausweis immer am Held zu haben. Auch die richtige Pose beim Abflug wird geübt, denn „große Macht bringt große Verantwortung“, wie die Helden und irgendwann auch das Publikum mantra-artig wiederholen, während sie von einer Bühne zur nächsten geführt werden.

Den Anfang macht das Pantomime-Ensemble „Trott O´Art“ aus Jena. In ihrem Stück „Facetten“ zaubern sie, ohne Requisiten und Bühnenbild, kleine und große Geschichten auf die Bühne. Ein Pärchen steht am Abgrund. Vorsichtig versuchen die Protagonisten sich näher zu kommen. Der eine enttäuscht den anderen gerade an diesem sensiblen Ort.

„Trott O´Art“

„Trott O´Art“

In einer weiteren kleinen Miniatur gelingt es „Trott O´Art“, nur mit Fingern und weißen Handschuhen, die möglichen Folgen darzustellen, die der Wunsch nach einem Abenteuer haben kann. Stücke ohne Worte erzählen vom Zurück zum elementaren Scheitern. Mal lustig, mal tief tragisch. Stille Kunst. Gefühle kommen an.

Auf der nächsten Bühne findet Tanztheater statt. Die zwei Darstellerinnen, deren Namen ich nicht im Programm finde, arbeiten sehr effektiv mit minimalistischen Requisiten und Masken.

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Wer war das? Es ist im Nachhinein bei mir nichts hängen geblieben. Schade.

Von den Superhelden wird das Publikum zur nächsten Bühne geführt. Plötzlich bildet sich eine lange Schlange. Jeder Zuschauer muss zunächst durch ein Spalier von jungen Leuten. Ich merke die Angst anderer Festivalbesucher. Verunsichert gehe ich durch die Begrenzung fremder Menschen, ohne jemanden links und rechts von mir anzuschauen. Immer wieder höre ich die Worte „Ich würde gern“ und darauf folgt „aber ich kann nicht“. Ich habe Angst. Kaum durch diesen Wald der Angst durch, wird einem eine Karte mit einer Sitzplatznummer überreicht. Das Publikum sucht seine Nummer und merkt gar nicht, dass all dies zur Inszenierung gehört.

Ich fühle mich fassungslos und ängstlich, finde auch meine Sitzplatznummer nicht und habe das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Annelie Hirsch und Maik Pevestorff stellten zunächst in einem Film das Projekt „Theater.grenzenlos“ vor. Dem Kritiker ist im ersten Moment nicht klar, ob das, was er sieht, Comedy oder Information ist. Pevestorff überzeichnet seine Figur.

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Theater.grenzenlos

Anschließend begann das eigentliche Stück über Ausgrenzung. Die Darstellerin, die eine Sonnenbrille trägt, um sich vor Licht zu schützen, wird von einer Kamera bedrängt. Sie flieht in eine Kiste. An der Wand der Kiste stehen negativ besetzte Begriffe, die immer wieder laut vorgelesen werden und immer mehr Raum einnehmen. Verlust, Versagen, Angst, Prüfung… und immer so weiter. Das imaginäre Gewicht auf meinen Schultern wird immer schwerer. So würde ich anderen das Denken mit einer Depression erklären. Diese negativen Gedankenspiralen, denen man nicht entfliehen kann, eingesperrt in der eigenen Kiste.

Dargestellt wird, wie einzelne andere ausgrenzen. Behinderung oder Sprachbarriere, verschiedenste Bereiche, in denen Grenzen sichtbar werden, thematisiert die Gruppe. Aber kann ein Theaterprojekt mit diesem Namen und mit dem so offensichtlichen Aufzeigen der Grenzen in unseren Köpfen diese überwinden? In mir kommt der Verdacht auf, dass dieses Projekt Teil des Systems der Grenzen ist und diese stabil hält. Ich verstehe nun einmal kein spanisch. Aber das wäre keine Grenze für mich.

Kopfhörer werden als Hinweis auf Einsamkeit in der Masse überdimensioniert dargestellt. Vergessen wird aber der Aspekt der Beschallung als Rückzug in einen sicheren Raum. Musik bedeutet auch Schutz des eigenen in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Die Schauspieler in diesem Projekt sind jedoch toll!

Nach dem Stück wird das Publikum von den Superhelden, die mich an die Figuren aus dem Film „Watchmen, die Wächter“ erinnern, zur Bühne nebenan geführt. Hier ist mir die dramaturgische Notwendigkeit des Bühnenwechsels nicht klargeworden. Gerade nach einem Stück wie dem von grenzenlos werden mir all die Barrieren des Abends bewusst. Als Rollstuhlfahrer? Schwer vorzustellen.

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Keule und Frau Waniek erzählen auf der Bühne direkt nebenan in ihrem Stück über das G.A.G.A. Projekt. Mal leise, mal viel zu laut. Kostüme und Rollen wechseln. Das Gedankenspiel der beiden ist Gaga vom Feinsten, Slapstick mit brutalsten Brechungen und wird vom Publikum gefeiert.

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Zum Schluss wird das Publikum von seinen Lehrern, den Helden, die durch den Abend geführt haben, selbst zu Superhelden erklärt. Der Kurs ist bestanden, brüllt der Lehrer seine Schüler an.

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Ein Kurztheaterspektakel überfordert mich mit zu vielen Eindrücken in zu kurzer Zeit. Filmprojekte namens „Steve war´s“ laufen an der Wand. Für die alte Halle voller kleiner Kunstwerke bleibt zu wenig Raum an diesem Abend. Was ist hier Inszenierung? Der vegetarische Burger kostet wirklich drei Euro. Bin ich aber wirklich? Als Teil der Inszenierung ist es spannend, aufregend. Aber am Ende bleibt Ratlosigkeit. Seid ihr die guten oder die bösen Helden? Wie sagt der kaputte Held Rorschach im Film „Watchmen“?

„Die Welt wird aufblicken und rufen: ´Rette uns`. Und ich werde flüstern: ´Nein`.“

An der Verwandlung der „Ruski“ von einer Industriehalle zu einem Veranstaltungsort sowie an der Verwirklichung einer umfassenden Infrastruktur für Gäste und Künstler wirken etwa 80 Ehrenamtliche mit. Neben der Überforderung bin ich dankbar und überrascht, dass es so viele Menschen um mich herum gibt, die zaubern wollen und auch können, wie das Spektakel bewiesen hat. Der Abend endete mit Livemusik vom „Reinhard Cooper Quartett“ aus Jena. Im nächsten Jahr wünsche ich euch noch mehr Mut! Das zahlreiche Publikum ist euch sicher!

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